Krafttiere sind Wesen, die uns auf unserer Reise durch Raum und Zeit begleiten. Wir belegen sie mit Werten, die uns dann wieder als Kompass helfen, uns im Alltag zu orientieren.
Ein Krafttier kann auf verschiedene Arten zu uns kommen. Wir können es einladen, indem wir es ganz direkt fragen: Willst du mein Krafttier sein?
Oder das Krafttier meldet sich bei uns, indem es sich immer wieder zeigt. Begegnungen im Alltag, Erwähnungen, Zeitungsartikel, Fernsehsendungen.
Wenn wir uns nicht in einem klar überlieferten Kontext mit Regeln und Anweisungen befinden, gibt es keine Vorgaben, wie die Arbeit mit Krafttieren geht.
Die Konstellation von meinem inneren und dem äusseren, dem Tierlehrer ist das Spannungsfeld. Dadurch, dass ich meine Fragen an ein äusseres Wesen mit eigenem Kodex richten kann, komme ich an Antworten in meinem Inneren, die ich sonst verschliesse.
Ich gestehe einem Teil von mir zu, eigene Gedanken und Vorstellungen zu haben, die nichts mit unserer physikalischen Realität zu tun haben müssen. Das ist eine Quelle um Fragestellungen ausserhalb des Alltags-Ich betrachten zu können.
Wie komme ich zu meinem Krafttier?
Ich habe mir angwöhnt, in regelmässigen Abständen fragen, „Wer ist mein Krafttier“. Dazu bietet sich der Jahreswechsel an. Aber auch andere Landmarken in unserer Entwicklung, Veränderungen – anstehende oder vergangene, bieten sich an, in sich zu gehen und zu fragen: Wer ist mein Krafttier. Die Antwort kommt manchmal sofort und in grosser Klarheit, und manchmal erst wenn man die Frage loslässt und den Hintergrundprozessen in unserem Inneren erlaubt, zu mäandern.
Manchmal ist überraschend, was die Antwort ist.
Vor einigen Jahren stand ich in der Zeit des Jahreswechsels unter der Dusche, mir geht durch den Kopf, dass ich mich noch nicht gefragt habe, welches Tier mich dieses Jahr begleiten möchte.
Im Gleichen Moment seilt sich eine dicke Spinne in der Dusche ab. Und mir ist klar – das ist die Antwort. Die Spinne hat sich gemeldet und möchte mich begleiten. Und bei allem Respekt war ich etwas schockiert. Ich hätte eher an etwas flauschiges, oder sonst etwas, das man spontan liebhaben kann, wie einen Schmetterling gedacht. Aber die Spinne hat sich zu mir abgeseilt und der Gedanke liess sich nicht wegwischen.
Arbeit mit dem Wegbegleiter
Nach der ersten Abwehr überlegte ich, was denn die Spinne für mich bedeutet. Was sie im gesellschaftlichen Kontext bedeutet. Was sie in der Traumdeutung und was über Spinnen als Krafttiere erzählt wird.
Als Kind hatte ich Angst vor Spinnen. Durch Gewöhnung – ich bin bei uns die Spinnen-verantwortliche, die Spinnen sicher nach draussen bringt – habe ich meine Angst verloren.
Spinnen haben gute Antennen fürs Wetter. Wenn Regen kommt, kommen sie rein. Das Wetter kann aber auch als Stimmung ausgelegt werden.
Die Spinne kann mich lehren, sensibel und Frühzeitig auf äussere Umstände zu reagieren. Vorbereitet zu sein.
Die Spinne ist bereit, weiss wo sie ihre Netze aufspannen muss um sich zu ernähren.
Einige Spinnen spannen als Sonnentiere wunderschöne Radnetze im Garten oder Obstbäumen auf, andere beleben dunkle Winkel.
Und dieser Aspekt ist mir besonders nützlich. Zu integrieren, dass wir dunkle Ecken haben, wo wir wenig bewusste Aufmerksamkeit hinlenken. Und diese Ecken nicht als feindlich zu begreifen, sondern als Winkel unserer Seele, die sein dürfen. In denen Dinge geschehen, die nicht unsere direkte Aufmerksamkeit benötigen. Solange wir hin und wieder etwas sauber machen, darauf achten, dass sich da nicht zuviel Seelensediment ablagert, dürfen diese Ecken dunkel sein. Die Spinne ist meine Botschafterin in diese Ecken. Sie ist da mit ihren feinen Antennen, und meldet sich, wenn etwas aus dem Lot gerät. Und als Handspinnerin ist die Spinne für mich doppelt sinnig.
Jedes Tier hat seine Qualitäten
Diese Qualitäten in die Entscheidungen einfliessen zu lassen, kann helfen, verkrustete Muster zu durchbrechen. Mein Tier ist der Bär, ich lasse mich in Gleichmut nicht von äusseren Einflüssen irritieren, solange sie mir nicht zu nahe treten. Mein Tier ist der Rabe, ich schwinge mich in Gedanken hoch und gewinne erstmal überblick. Mein Tier ist ein Wal, ich hole Luft und tauche tief ab. Lasse mir von der Katze zeigen, wie es sich anfühlt, sich regelmässig die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen.
Es gibt nicht nur den einen Lehrer – ein wenig Orakeln schadet nicht…
Diese Arbeit mit dem Krafttier öffnet die Sinne, Tier und Pflanzenlehrer zuzulassen. Was begegnet mir da? Ein Plötzlicher Vogelschwarm aus dem nichts? Blütenduft, der ein Gefühl weckt? Es ist unsere Entscheidung, welche äusseren Einflüsse wir für unsere bewussten Gedankenprozesse einspannen. Es geht nicht darum, fixe Zeichen nach einem Schema zu deuten, sondern eher zu fragen: was ist meine spontane Reaktion dazu? Und so bekommt auch das berühmte Orakel nach dem Vogelflug plötzlich eine fast handfeste Komponente.
Drei Geier fliegen plötzlich zwitschernd nah über uns hinweg. Sie kommen aus der höhe, von Süden richtung Norden, drehen eine Runde über uns, während sie sich kurz umschauen und fliegen weiter aus meinem Gesichtsfeld raus. Ich versuche ein Foto zu machen, und verpasse dabei fast, den Moment wahrzunehmen.
Einerseits hat das keine tiefere Bedeutung, wenn ich das so will. Geier fliegen herum, Punkt.
Wenn ich möchte, kann ich aber auch nachspüren, was meine Assoziationen dazu sind. Das Sonnentier, das sich in Thermiken hochschrauben kann, um weit weit oben zu fliegen, kommt ganz nah. Zoomt ein. Was gibt es für mich zum einzoomen? Es sind drei Geier, sie sind in Kommunikation miteinander. Zwitschernd. Wir sind auch zu dritt in unserer Familie. Wann waren wir das letzte Mal so zusammen unterwegs? In ihrer Bewegung sind sie von Oben nach unten, von Süden nach norden – bewegen sich vom aktiven, warmen, enegiespendenden Pol richtung Klarheit, Ruhe und Visionsfindung. Ich verpasse fast den Moment, weil ich so mit meinem Handy beschäftigt bin und den Moment teilen möchte.
Geier sind Meister darin, die Essenz zu verwerten. Bartgeier können Knochen verdauen. Ich darf mein Gerät auch weglegen, meine Sinne sind ausreichend, um das was um mich passiert aufzunehmen, zu verdauen, und zu gegebener Zeit wieder zu teilen.
Diese Gedanken sind lebendige Assoziationen, die mir zu dieser Kurzen Begegnung kommen. Sie kommen aus dem Unterbewussten und wenn ich möchte, kann ich auf diese Art einen Zugang zu ihnen öffnen. Indem ich mir erlaube, mir Zeit zu nehmen, dem was mir im Alltag begegnet nachzuspüren. Zu spüren, welche Bedeutung Alltäglichkeiten für mich haben. Und so wird aus dem „Vogelflugorakel“ plötzlich ein Werkzeug, die Sinne zu schärfen, woher unsere Reaktionen kommen. Dinge passieren. Und das macht immer etwas für uns. Tierlehrer können uns helfen, dies zu erkennen und in bewusste Ebenen zu heben.

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